DNN, 30.11.12

„Du süße, liebenswerte Wand“

Rudi erlebte neues Seniorentheaterstück

Bei Müllers sollte die Fete steigen. Die Gäste sind allesamt pünktlich, nur die Gastgeber fehlen. Zum Glück aber haben Müllers ja einen Garten. Ein Ort, wo man die Wartezeit verbringen kann. Und der zugleich Gelegenheit bietet, sich ein wenig näher beschnuppern zu können. Schon das erste Ergebnis aber ist recht ernüchternd, denn alle – vier Frauen und drei Männer – befinden sich im fortgeschrittenen Alter. Das solidarisiert natürlich und selbstironisch bekennt man im gemeinsamen Lied: „Der erste Lack ist ab – wir sind nicht mehr die Jüngsten!“ Das gemeinschaftliche Singen lässt zugleich die üblichen konventionellen Schranken verschwinden. Man gerät ins Plaudern.
Über die Abwesenheit der Gastgeber wird nur kurze Zeit gemutmaßt. Man nutzt nun vielmehr die Gelegenheit, sich näher kennenzulernen. Dabei kommt schnell zutage, dass man einer gemeinsamen Leidenschaft frönt: der Liebe zum Theater. Regisseur Frank Hohl war gut beraten, dass er dieses vereinende Moment zum Dreh- und Angelpunkt seiner Inszenierung machte. Denn die Preisgabe persönlicher Details kann auch nach hinten losgehen. Diese Klippe umschifft die Regie dadurch, dass die Protagonisten die Gelegenheit bekommen, sich selbst zu bewerten. So mischt sich Realität mit Fiktion, denn wer das Wort hat, erzählt natürlich zunächst immer von sich und von seiner Lust am Theaterspiel. Man erfährt daneben auch allerhand über die unterschiedlichsten beruflichen Tätigkeiten, die in der Regel weit weg vom Theater stattfanden. Irgendwo im Inneren verborgen aber schlummerten die Wünsche von einst, unter denen das Theaterspiel bekanntlich eine dominierende Rolle einnimmt.
Mit „Freude des Alters“ haben die Frauen und Männer der Gruppe ihre aktuelle Inszenierung überschrieben. Der nüchterne Bericht macht den Anfang, jeder der sieben erzählt mit wenigen Worten, was ihn zum Theaterspiel animiert hat. Und unisono war in jedem Statement der Wunsch versteckt, auch mit fortgeschrittenem Alter zu etwas nütze sein zu wollen. Das hat die Regie berücksichtigt, denn jeder einzelne bekommt im Stück die Chance für ein Solo. Eine wollte ihr Leben lang schon immer mal das Lied von der „Seeräuber-Jenny“ singen. Nun bekam sie die Gelegenheit. Eine andere rezitiert Lene Voigt. Die nächste schlüpft in die Rolle des Dummchens Sugar aus dem Film „Manche mögen’s heiß“. Den absoluten Gipfel erreichen die sieben Akteure, als sie Müllers Garten in jenen Wald verwandeln, in dem William Shakespeare einst seinen „Sommernachtstraum“ spielen ließ. Dort, wo Puck die Handwerker verzauberte und sie allerlei dummes Zeug reden ließ. Was sich auch im Stoßseufzer „Oh Wand, du süße liebenswerte Wand!“ äußerte. Die „Freude des Alters“ hatte jedenfalls jede Menge sicht- und hörbaren Spaß am Theaterspiel.
W. Zimmermann
iNächste Termine: 27. Jan., 24. Febr., www.rudi-dresden.de

 

dnn, 9.3.12

Karl Valentin und Liebe im Amt

Ein Theaterprojekt im Ausländerrat

  Was haben eine lebende Schaufensterpuppe, ein verliebter Sachbearbeiter und ein Döner gemeinsam? Die Antwort auf diese Frage konnten die Zuschauer bei einem interkulturellen Theaterprojekt im Ausländerrat ergründen. Unter dem Titel „Deutschland erfindet sich neu!“ hat Regisseur Frank Hohl junge Darsteller, deutsche und nichtdeutsche, zusammengeführt und über ihre eigenen Erfahrungen zu den Themen „Heimat“, „Fremdsein“ und „Liebe“ zu Wort kommen lassen.

Dies geschah erfreulicherweise ohne jede Larmoyanz und Bitterkeit, sondern stattdessen mit einem gehörigen Schuss Humor. Die Dramaturgin Kerstin Behrens hat die jeweiligen Erlebnisberichte nahezu unverändert übernommen und lediglich auf eine Pointe hin satirisch zugespitzt.
Der Algerier Djoudi Benhacine wird anlässlich seiner Passverlängerung von einer Behörde zur nächsten weitergeschickt und erlebt dabei eine Odyssee, die nur noch mit Karl Valentins „Buchbinder Wanninger“ vergleichbar ist. Ganz anders ergeht es Anastazja Zydor aus Polen, die als Zeugin einer Schlägerei unter Fußballfans von der Polizei vernommen wird. Sie wird sehr zuvorkommend behandelt, bis sie, das ist eine Angewohnheit von ihr, die deutschen Wörter „hervorragend“ und „enttäuschend“ verwechselt. Jörg Landgraf schließlich in dem Sketch „Liebe im Amt“ begleitet als Beamter eine Antragstellerin (Yasemin Selcuk) auf dem Nachhauseweg (und vermutlich noch ein bisschen weiter).
Die Bühnenbildnerin Rita Richter hat die humorvollen Minidramen mit einer sparsamen, minimalistischen Ausstattung versehen. Lediglich Tische und gespannte Leinwände illustrieren das Geschehen und lassen dem Publikum Raum, die eigene Fantasie zu entfalten. Auch die Ausstattung mit Requisiten ist entsprechend spartanisch. Benutzen die Schauspieler einmal Handys und Handtaschen, so agieren sie im nächsten Sketch rein pantomimisch, etwa wenn alle beim „Entspannungstanz“ eine „imaginäre Flasche Sternburg“ in der Hand halten.
Allen Darstellern gemeinsam ist die Freude am Spiel, an der Bewegung (Pogo und türkischer Volkstanz) und an einem „Lehrstück ohne Lehre“, das ganz ohne erhobenen Zeigefinger auskommt. Ein schönes, ein menschliches Stück Theater. Thomas Fekl


nächste Vorstellung: 14. März, 19 Uhr im Jugendhaus „Club Eule“, Marschnerstr. 33


Foto: Claus Dethleff

 


 

 

 

Dnn, 30.1.12

„Es könnte doch mal Besuch kommen ?“

Das H.O.Theater Dresden spielt die Geschichte von Katt und Fredda

So ist das eben mit Freundinnen. Sie mögen sich so sehr, dass sie es sogar wagen, an einem einsamen Ort fernab der Zivilisation miteinander zu leben. Tag für Tag beglückwünschen sich Katt und Fredda gegenseitig zu diesem, ihrem Entschluss. Auch noch, als längst die Routine in den Tagesablauf Einzug gehalten hat und als sie merken, wie austauschbar ihre Gespräche geworden sind. Beide verstummen, wirken etwas verlegen. Bis Katt eines Tages so ganz beiläufig meint: „Es könnte doch mal Besuch kommen !“ Fredda reagiert entsetzt, die Freundinnen beginnen miteinander zu streiten, die Idylle bekommt ihre ersten Risse. Die breiter und tiefer werden, als urplötzlich Miranda auftaucht.
Ingeborg von Zadows Buch „Besuch bei Katt & Fredda“ birgt allerhand Zündstoff über das unendliche Thema menschlichen Zusammenlebens in sich. Ein Stoff, der durch seinen Variantenreichtum wie geschaffen schien, für die Theaterbühne dramatisiert zu werden. Das Dresdner H.O.Theater nahm sich nun ebenfalls dieser Geschichte an und präsentierte im „Theater unterm Dach“ – ganz oben im Theaterhaus Rudi – in der Regie von Frank Hohl eine eigene Inszenierung der Geschichte von „Katt und Fredda“.
Diese Fassung macht aus Katt (Katja Pinzer-Müller) und Fredda (Donata Poll) zwei Stewardessen, die nach einem Flugzeugabsturz an einem einsamen Ort gezwungen sind, miteinander zu leben. Beide tragen sie die nüchterne Kleidung ihres Berufs: weiße Bluse und dunklen Rock. Und beide scheinen sich bald mit ihrer Zweisamkeit in einer Art Notgemeinschaft bestens arrangiert zu haben. Doch dann klopft Miranda (Victoria Kovacs) an die Tür. Miranda singt und tanzt und bricht allein schon durch ihre schrille bunte Kleidung die Idylle des Duos auf. Sie ist zudem ausgesprochen kontaktfreudig und verteilt jede Menge Komplimente. Vor allem an Fredda, der sie pausenlos versichert, was sie doch für ein wunderschönes Näschen habe. Diese Schmeichelei wiederum geht Katt mehr und mehr auf den Geist. So verschieben sich die Fronten mit der Zeit geradezu zwanghaft. Katt, die schon bald merkt, wie gut Fredda mit Miranda kann, wird eifersüchtig und setzt alles daran, Miranda wieder loszuwerden. Doch das ist nicht so einfach, hat Katt doch selbst die Regeln dafür aufgestellt, wie man einen Besuch behandelt. Die wichtigste lautet: „Der Besuch ist König!“ Womit Miranda ihr später natürlich Paroli bietet, als die Situation eskaliert. Trotzig erinnert sie Katt: „Der Besuch ist König und ein König macht, was er will!“
Miranda jedenfalls ist glücklich und bringt das auch immer wieder zum Ausdruck. Doch die bis dato unzertrennlichen Freundinnen Katt und Fredda scheinen mit der Situation heillos überfordert. Letztendlich aber schickt Fredda Miranda fort. Der Konflikt zwischen den beiden aber schwelt weiter. Man macht sich gegenseitig Vorwürfe. „Jetzt ist sie traurig!“, sagt Katt zu Fredda und fügt den Vorwurf an: „Du hast sie weggeschickt!“ Die vor dem Besuch geltenden Rituale werden von den beiden zwar wieder aufgenommen, dennoch ist nun nichts mehr so wie zuvor. Auch wenn sich beide gegenseitig zu trösten versuchen, sie merken bald, wie einsam man in einer Zweisamkeit sein kann. Jetzt, wo man weiß, dass es auch andere Möglichkeiten des Zusammenlebens gibt.
Eine überflüssige Dramatik erhält die Geschichte über Katt und Fredda allerdings durch die konstruierte Ausgangssituation. Der eingangs erwähnte Flugzeugabsturz wirkt am Ende nur wie Mittel zum Zweck, was die Geschichte aber gar nicht nötig gehabt hätte. Die ganz real stattfindende Flucht von ganzen Familien in eine idyllische Einsamkeit als stimmiger Gegenpol zum Stress und der Hektik städtischen Lebens hätte sicher die logischere Begründung für diese Flucht in eine Idylle abgegeben.
Wolfgang Zimmermann
iWieder am 26. Februar, 19 Uhr, im Theaterhaus Rudi

Donata Poll (Fredda), Heidemarie Ullrich (Miranda) und Katja Pinzer-Müller (Katt) v.l.n.r. Foto: W. Zimmermann

 

 

 

SZ, 01/2007:

Zeitungsartikel, FAZ 01/2007

 

 

SZ, 02/07:  

Zeitungsartikel

 

 10/06:

Zeitungsartikel

 

 

SZ, 03/06: 

Zeitungsartikel, SZ, 30.05.2006

 

 

DNN, 03/06: